In vielen Unternehmen stapeln sich die Wünsche an die IT. Die Personalabteilung braucht ein Formular für Urlaubsanträge, der Vertrieb eine Übersicht über offene Angebote, die Instandhaltung eine App für Prüfprotokolle. Klassisch programmiert dauert jedes dieser Projekte Wochen. Low-Code-Plattformen versprechen, solche Anwendungen deutlich schneller bereitzustellen, weil große Teile visuell zusammengesetzt werden statt Zeile für Zeile geschrieben.
Dieser Ratgeber erklärt, was eine Low-Code-Plattform ist, was man damit bauen kann und wo die Grenzen liegen. Zum Schluss finden Sie eine Checkliste für die Auswahl und einen kurzen Marktüberblick.
Was ist eine Low-Code-Plattform?
Eine Low-Code-Plattform ist eine Entwicklungsumgebung, in der Anwendungen überwiegend über eine grafische Benutzeroberfläche entstehen. Statt Programmcode zu schreiben, ziehen Benutzer vorgefertigte Komponenten auf eine Arbeitsfläche, verbinden Datenquellen und legen Abläufe als Diagramm fest. Wo die fertigen Bausteine nicht reichen, lässt sich eigener Code ergänzen. Daher der Name: wenig Code, aber nicht gar keiner.
Die Idee ist älter, als der Begriff vermuten lässt. Schon in den 1990er-Jahren gab es Werkzeuge für Rapid Application Development, mit denen sich Datenbankanwendungen schnell zusammenklicken ließen. Den Begriff „Low-Code“ hat das Analystenhaus Forrester um 2014 geprägt. Seitdem ist daraus ein eigener Markt geworden, den auch Gartner regelmäßig bewertet.
Low-Code vs. No-Code
Beide Ansätze setzen auf visuelle Entwicklung, richten sich aber an unterschiedliche Zielgruppen.
- No-Code-Plattformen kommen ganz ohne Programmierkenntnisse aus. Sie sind für Fachanwender gedacht, die etwa ein Formular, eine einfache Datenbank oder eine Automatisierung zwischen zwei Apps erstellen wollen. Was die Plattform nicht vorsieht, geht nicht.
- Low-Code-Plattformen bieten ebenfalls visuelle Werkzeuge, erlauben aber benutzerdefinierten Code, eigene Schnittstellen und komplexere Datenmodelle. Sie werden von Fachabteilungen und professionellen Entwicklern gemeinsam genutzt.
Die Grenze ist fließend. Viele Anbieter bedienen heute beide Gruppen mit derselben Plattform und schalten Code-Funktionen nur für erfahrene Entwickler frei.
Low-Code, No-Code und Vibe Coding
Mit generativer KI ist ein dritter Weg hinzugekommen. Beim sogenannten Vibe Coding beschreibt man in natürlicher Sprache, was eine Anwendung tun soll, und ein KI-Modell erzeugt den Code. Das geht verblüffend schnell. Der Haken: Heraus kommt echter Quellcode, den jemand verstehen, prüfen und warten muss. Fehler und Sicherheitslücken sind ohne Fachwissen schwer zu erkennen.
Low-Code liegt zwischen diesen Welten. Die Plattform gibt einen Rahmen vor, kümmert sich um Hosting, Benutzerverwaltung und Updates und begrenzt so das Risiko. Für geschäftliche Anwendungen, die jahrelang laufen sollen, ist dieser Rahmen oft mehr wert als die Geschwindigkeit eines KI-Prototyps.
Merkmale von Low-Code-Plattformen
Trotz großer Unterschiede zwischen den Anbietern haben die meisten Low-Code-Entwicklungsplattformen einen gemeinsamen Kern.
Visuelle Entwicklung, Bausteine, Integrationen
- Visueller Editor: Benutzeroberflächen werden per Drag-and-drop gestaltet, Abläufe als Flussdiagramm modelliert.
- Vorgefertigte Komponenten: Tabellen, Formulare, Diagramme, Freigabeschritte und Vorlagen für typische Geschäftsanwendungen.
- Datenmodellierung: Tabellen und Beziehungen lassen sich ohne SQL anlegen, die Plattform erzeugt die Datenbank im Hintergrund.
- Integrierte Konnektoren: fertige Anbindungen an ERP, CRM, Microsoft 365 oder Cloud-Speicher, dazu REST-APIs für alles andere.
- Bereitstellung per Klick: Die Anwendung wird im Browser und oft auch als mobile App ausgeliefert, ohne eigene Serverkonfiguration.
- Verwaltung: Rollen und Rechte, Versionsstände, Test- und Produktivumgebungen.
Wie gut diese Funktionen ausgebaut sind, unterscheidet einfache Tools von Plattformen für geschäftskritische Anwendungen.
Was kann man mit Low-Code bauen? Beispiele
Die meisten Low-Code-Anwendungen sind keine Produkte für den Markt, sondern interne Werkzeuge. Sie ersetzen Excel-Listen, E-Mail-Pingpong und Papierformulare.
Interne Apps und Formulare
Typische Beispiele aus dem Unternehmensalltag:
- ein Antrags- und Freigabeportal für Urlaub, Reisekosten oder Bestellungen
- eine mobile App für Servicetechniker, die Einsatzberichte mit Fotos und Unterschrift erfasst
- ein Kundenportal, in dem Kunden Reklamationen melden und den Bearbeitungsstand sehen
- ein Dashboard, das Kennzahlen aus mehreren Systemen zusammenführt
- eine Qualitätsprüfung in der Produktion, bei der Prüfer Messwerte am Tablet eintragen
Ein häufiger Auslöser ist eine Excel-Datei, die über Jahre gewachsen ist und nur noch eine Person versteht. Als Low-Code-App bekommt sie eine richtige Datenbank, Zugriffsrechte und ein verständliches Formular.
Workflows und Prozessautomatisierung
Viele Plattformen gehen über reine Apps hinaus und automatisieren ganze Geschäftsprozesse. Ein eingehender Auftrag wird geprüft, an die zuständige Abteilung weitergeleitet, nach Freigabe ins ERP übertragen und dem Kunden bestätigt. Solche Workflows lassen sich visuell modellieren und später anpassen, ohne dass ein Entwicklungsprojekt nötig ist. Wo die Grenze zu reinen Automatisierungstools verläuft, erklären die Beiträge zur Prozessautomatisierung und zur Workflow-Automatisierung.
Vorteile von Low-Code
Der wichtigste Vorteil ist Tempo. Ein erster Prototyp steht oft nach Tagen statt nach Monaten. Fachabteilung und IT können ihn gemeinsam ansehen und anpassen, bevor viel Aufwand in die falsche Richtung fließt. Das passt gut zu agilen Arbeitsweisen.
Dazu kommt die Entlastung der Entwicklungsteams. Wenn Fachanwender kleinere Anwendungen selbst bauen, sogenannte Citizen Developer, bleibt den Entwicklern mehr Zeit für komplexe Aufgaben. Gleichzeitig verschwinden viele Schattenlösungen aus Excel und Access, weil es eine offizielle, verwaltete Alternative gibt.
Auch Wartung und Betrieb werden einfacher. Sicherheitsupdates, Serverbetrieb und Skalierung übernimmt der Anbieter. Änderungen an einer Anwendung sind oft in Stunden erledigt, weil kein kompletter Build- und Deployment-Prozess nötig ist.
Schließlich lassen sich alte Anwendungen schrittweise modernisieren. Eine Low-Code-Oberfläche kann vor ein bestehendes Altsystem gesetzt werden und dessen Daten über Schnittstellen nutzen. So bekommen Mitarbeiter eine zeitgemäße Benutzeroberfläche, ohne dass der Kern sofort ersetzt werden muss.
Nachteile und Grenzen
Low-Code ist kein Ersatz für jede Form von Softwareentwicklung. Wer die Grenzen kennt, vermeidet teure Fehlentscheidungen.
Skalierung, Sicherheit, Abhängigkeit vom Anbieter
Skalierung und Leistung: Bei sehr vielen Benutzern, großen Datenmengen oder rechenintensiver Logik stoßen manche Plattformen an Grenzen. Was für eine Abteilung mit 30 Personen reicht, kann bei 5.000 Nutzern langsam werden.
Sicherheit und Governance: Wenn jede Abteilung eigene Apps baut, entsteht schnell ein neuer Wildwuchs. Wer hat Zugriff auf welche Daten? Wer pflegt die App, wenn die Erstellerin das Unternehmen verlässt? Ohne klare Regeln wird aus Low-Code eine neue Schatten-IT.
Vendor Lock-in: Anwendungen sind eng an die Plattform gebunden. Ein Umzug zu einem anderen Anbieter bedeutet meist einen Neubau. Steigen die Lizenzkosten, hat man wenig Verhandlungsspielraum.
Kosten: Die Lizenzmodelle rechnen oft pro Benutzer oder pro Anwendung ab. Bei vielen Nutzern können die laufenden Kosten höher liegen als bei einer einmal entwickelten Individualsoftware.
Individuelle Anforderungen: Sehr spezielle Oberflächen, ungewöhnliche Algorithmen oder hohe Anforderungen an die Benutzererfahrung lassen sich mit klassischer Programmierung und eigenen Programmiersprachen oft besser umsetzen.
Der Vorwurf „Low-Code heißt Low Quality“ greift trotzdem zu kurz. Die Qualität hängt davon ab, ob sauber modelliert, getestet und dokumentiert wird. Das gilt für Low-Code genauso wie für jede andere Softwareentwicklung.
Low-Code und KI
Künstliche Intelligenz verändert Low-Code-Plattformen gerade auf zwei Ebenen. Zum einen helfen KI-Assistenten beim Bauen: Sie generieren aus einer Beschreibung ein erstes Datenmodell, schlagen Formulare vor oder schreiben Formeln und Code-Schnipsel. Microsoft hat dafür Copilot in die Power Platform integriert, andere Anbieter haben ähnliche Funktionen.
Zum anderen werden KI-Funktionen selbst zu Bausteinen. Eine Anwendung kann Dokumente auslesen, Texte klassifizieren oder Anfragen zusammenfassen, ohne dass jemand ein Modell trainieren muss. Zunehmend lassen sich auch KI-Agenten in Low-Code-Workflows einbinden, die eigenständig Aufgaben erledigen und dabei Werkzeuge der Plattform nutzen. Was dabei zu beachten ist, beschreibt der Beitrag über KI-Agenten.
Wichtig bleibt: KI-gestützte Funktionen brauchen saubere Daten und klare Regeln. Eine Plattform, die Rechte, Protokolle und Freigaben mitbringt, ist dafür eine gute Grundlage.
Wer nutzt Low-Code-Plattformen?
Die Nutzer lassen sich grob in drei Gruppen teilen.
Geschäftsanwender und Citizen Developer kennen ihre Prozesse am besten. Sie bauen einfache Anwendungen und Formulare selbst, meist in einem vorgegebenen Rahmen.
Professionelle Entwickler nutzen Low-Code, um Standardteile schneller zu erledigen. Sie kümmern sich um Schnittstellen, komplexe Logik und eigene Komponenten, die andere wiederverwenden.
IT-Abteilungen betreiben die Plattform, legen Regeln fest und achten auf Sicherheit. Besonders erfolgreich ist Low-Code dort, wo diese drei Gruppen zusammenarbeiten, statt nebeneinanderher zu bauen.
Low-Code ist dabei nicht auf Konzerne beschränkt. Auch Mittelständler und öffentliche Verwaltungen nutzen die Plattformen, etwa für Bürgerportale oder die Digitalisierung interner Anträge.
Die richtige Low-Code-Plattform auswählen
Die Frage nach der besten Low-Code-Plattform lässt sich pauschal nicht beantworten. Entscheidend ist, was Sie damit bauen wollen und welche Systeme bereits im Haus sind.
Kriterien-Checkliste
- Einsatzzweck: einfache Formulare und Workflows oder geschäftskritische Anwendungen mit vielen Nutzern?
- Zielgruppe: Sollen Fachanwender ohne Programmierkenntnisse bauen, Entwickler oder beide?
- Integrationen: Gibt es fertige Anbindungen an Ihr ERP, CRM und Microsoft 365? Wie gut sind die APIs dokumentiert? Hintergrund dazu bietet der Ratgeber zur API-Integration.
- Betrieb: Nur Cloud oder auch im eigenen Rechenzentrum? Wo stehen die Server?
- Sicherheit und Datenschutz: Rollenkonzept, Protokollierung, Einmalanmeldung, Zertifizierungen, Auftragsverarbeitung nach DSGVO.
- Skalierbarkeit: Referenzen mit ähnlicher Nutzerzahl und Datenmenge.
- Lizenzmodell: pro Benutzer, pro App, nach Verbrauch? Wie entwickeln sich die Kosten, wenn die Nutzung wächst?
- Ausstieg: Lassen sich Daten und Logik exportieren?
- Ökosystem: deutschsprachige Dokumentation, Partner, Schulungen, Community.
Bewährt hat sich ein kleines Pilotprojekt mit einem echten Anwendungsfall. Nach einigen Wochen zeigt sich, ob die Plattform im Alltag hält, was die Demo verspricht. Gut geeignet ist ein Ablauf, der heute per E-Mail und Excel läuft, etwa die Freigabe von Bestellungen über einem bestimmten Betrag. Er ist überschaubar, betrifft mehrere Abteilungen und zeigt schnell, wie gut die Plattform mit Rechten, Benachrichtigungen und der Anbindung an das ERP umgeht.
Welche Low-Code-Plattformen gibt es? Marktüberblick
Der Markt ist groß und unübersichtlich. Die folgende Einteilung ersetzt keinen Vergleich, hilft aber bei der Orientierung. Auf eine Rangliste verzichten wir bewusst, weil die Eignung vom Einzelfall abhängt.
| Gruppe | Beispiele | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Enterprise-Plattformen | Mendix, OutSystems, Appian, Pega | geschäftskritische Anwendungen, komplexe Prozesse, große Nutzerzahlen |
| Teil großer Software-Ökosysteme | Microsoft Power Apps (Power Platform), SAP Build Apps, Salesforce Lightning App Builder, ServiceNow | Erweiterung vorhandener Microsoft-, SAP- oder Salesforce-Landschaften |
| Prozess- und Workflow-Plattformen | WEBCON, Simplifier, Neptune Software | Antrags- und Freigabeprozesse, mobile Apps für Mitarbeiter |
| Datenbank- und No-Code-nahe Tools | Ninox, Airtable, Retool | Abteilungslösungen, interne Tools, Ersatz für Excel-Listen |
Mendix gehört zu Siemens, Microsoft Power Apps ist eng mit Microsoft 365 verzahnt. Für Unternehmen, die bereits stark auf einen großen Anbieter setzen, ist dessen eigene Plattform oft der naheliegende Startpunkt. Wer primär Abläufe zwischen bestehenden Systemen verbinden will, braucht dagegen vielleicht gar keine Low-Code-Plattform, sondern ein Automatisierungstool. Einen Vergleich dazu finden Sie im Artikel Zapier-Alternativen.
Ist Low-Code die Zukunft der Softwareentwicklung?
Low-Code wird die klassische Programmierung nicht ersetzen. Es verschiebt aber, wer welche Anwendungen baut. Standardanwendungen für interne Abläufe entstehen zunehmend auf Plattformen, während Entwickler sich auf Kernsysteme, Schnittstellen und anspruchsvolle Logik konzentrieren.
Durch KI verschwimmen die Grenzen weiter. Wenn Anwendungen aus einer Beschreibung entstehen, wird der Rahmen umso wichtiger, in dem sie laufen: Rechte, Datenhaltung, Wartung, Nachvollziehbarkeit. Genau diesen Rahmen liefern gute Low-Code-Plattformen. Für die digitale Transformation mittelständischer Unternehmen bleibt Low-Code damit ein wichtiges Werkzeug, solange es mit klaren Regeln eingesetzt wird.
Häufige Fragen zu Low-Code
Was genau ist Low-Code?
Low-Code ist ein Ansatz der Softwareentwicklung, bei dem Anwendungen überwiegend visuell aus vorgefertigten Bausteinen zusammengesetzt werden. Eigener Code wird nur dort ergänzt, wo die Bausteine nicht ausreichen.
Was ist eine No-Code-Plattform?
Eine No-Code-Plattform ermöglicht das Erstellen von Anwendungen oder Automatisierungen ganz ohne Programmierung. Sie richtet sich an Fachanwender und ist einfacher, aber weniger flexibel als eine Low-Code-Plattform.
Welche Beispiele gibt es für Low-Code-Anwendungen?
Typisch sind Antrags- und Freigabeprozesse, Serviceberichte per Tablet, Kundenportale für Reklamationen, Prüfprotokolle in der Produktion und Dashboards, die Daten aus mehreren Systemen zusammenführen. Häufig ersetzen solche Anwendungen gewachsene Excel-Listen.
Ist Low-Code einfach zu erlernen?
Die Grundlagen sind in wenigen Tagen erlernbar, vor allem für Menschen mit Erfahrung in Excel oder Datenbanken. Für saubere Datenmodelle, Schnittstellen und größere Anwendungen braucht es aber Übung und oft auch Programmiererfahrung.
Kann man mit Low-Code geschäftskritische Anwendungen entwickeln?
Ja, Enterprise-Plattformen sind genau dafür gebaut. Voraussetzung sind klare Verantwortlichkeiten, Tests, ein Rechtekonzept und eine Plattform, die zur erwarteten Last passt.
Gibt es Sicherheitsbedenken bei Low-Code?
Die Plattformen selbst sind meist gut abgesichert. Risiken entstehen eher durch falsch vergebene Rechte, ungeprüfte Apps von Fachabteilungen und fehlende Übersicht. Eine zentrale Governance durch die IT verringert diese Risiken deutlich.
Welche Low-Code-Plattformen gibt es?
Bekannte Anbieter sind unter anderem Microsoft Power Apps, Mendix, OutSystems, Appian, Pega, SAP Build Apps und ServiceNow. Daneben gibt es viele spezialisierte Plattformen für Prozesse, mobile Apps oder Datenbankanwendungen.